25.5.2013
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Für einen Abend war der Traum zu Ende. Mit zehn Spielen ohne Niederlage im Gepäck waren wir am 16. März zum direkten Verfolger Beilstein gekommen, um die Meisterschaft in der Kreisklasse A2 perfekt zu machen. Ein Unentschieden wie im Hinspiel hätte gereicht, um mit höchster Sicherheit alles klar zu machen – doch es wurde ein Drama.

Mit vier Punkten im vorderen, aber keinem Punkt im hinteren Paarkreuz und keinem Punkt in den Doppeln verloren wir mit 4:6. Im Eröffnungsspiel hatten Michael Matthes/Konstantin Stavrakidis als Einser-Paarung nach zuvor hoher Führung im fünften Satz bei 10:9 einen Matchball vergeben. Mit dem Sieg hatte Beilstein – ebenfalls nur das Unentschieden aus der Vorrundenpartie gegen uns und eine Niederlage auf dem Negativ-Konto – gleichgezogen. Und das war fatal. Denn bei Punktgleichheit zählt das aus allen einzelnen Spielergebnissen (6:1+6:3+4:6 usw.) zusammengerechnete Spielverhältnis – und hier war Beilstein weit besser. Mit der Gewissheit, die Meisterschaft sowie den damit verbundenen Aufstieg und damit das, wofür wir die ganze Saison über so hart gearbeitet und mit Herzblut gekämpft hatten, verloren zu haben, fuhren wir am Boden zerstört nach Hause.

Doch nach einer Nacht des Rechnens und des Regelbücher-Wälzens keimte eine kleine Hoffnung auf. Wenn der TGV Beilstein in seinem letzten Saisonspiel den zu diesem Zeitpunkt Tabellenvorletzten TSG Heilbronn mit dem höchstmöglichen Ergebnis von 6:0 und 18:0 Sätzen schlagen würde, hätten wir immer noch die theoretische Chance, Meister zu werden! Mit drei 6:0-Siegen in unseren letzten drei Spielen und dabei nicht mehr als zehn verlorenen Sätzen wäre der Titel unser, denn in diesem Falle wären wir bei somit gleichem Spielverhältnis (81:26) im dann zählenden Satzverhältnis (Differenz aller gewonnenen zu verlorenen Sätze über die ganze Saison) genau einen einzigen Satz vorne. Aber würden wir nur einen einzigen Satz mehr verlieren, würde bei Satzgleichheit der direkte Vergleich zählen, in dem Beilstein mit Sieg und Unentschieden die Nase vorne hätte. Eine völlig hypothetische Rechnung – und eine Minimalchance, deren Realisierung beinahe an ein Wunder grenzen würde. Aber wir wollten das Unmögliche möglich machen.
 


Niemals aufgegeben und am Ende dafür belohnt: Die Jungen 1 hat es geschafft und steigt als Meister der Kreisklasse A in die Kreisliga auf! (v.l.: Konstantin Stavrakidis, Manuel Buch, Raymund Hackett, Michael Matthes)
 
In eilig eingeleiteten Einzel- und Teambesprechungen wurde die Taktik festgelegt. Die Stammspieler Raymund Hackett und Manuel Buch, zuletzt nicht Bestform, erklärten sich freiwillig bereit, ihre Plätze Marcus Mödinger und Jens Mößner zur Verfügung zu stellen. Marcus und Jens, als Spieler in der Jungen U18 2 in der Rückrunde in der anderen Kreisklasse-A-Staffel (A3) außerordentlich erfolgreich und mit großem Selbstvertrauen ausgestattet, nahmen die „Mission impossible“ an und rückten für die letzten drei Partien ins Team. Damit das neu formierte Quartett auch an jedem der ausstehenden Spieltage in dieser Konstellation antreten konnte, mussten zwei der drei Begegnungen verlegt werden. Zum Glück fanden wir gemeinsam mit den Gegnern Alternativtermine. Nun galt es aber immer noch, aus zwei bisherigen und zwei neuen Spielern binnen kürzester Zeit eine Mannschaft zu formen. Mit vollem Elan wurde am Team gearbeitet, in Sondertrainings (Danke, Uli!!!) probten wir die neuen Doppel-Paarungen und gaben alles, um auch im Einzel die letzten Prozente zu mobilisieren.

Noch bevor jedoch der Ernstfall ins Haus stand, erreichte uns eine Botschaft aus Heilbronn, die minutenlange Jubelstürme auslöste: 6:3! Beilstein hatte die TSG in ihrem letzten Saisonspiel zwar erwartungsgemäß geschlagen – aber der Tabellenvorletzte war über sich hinausgewachsen und hatte dem Tabellenführer nie für möglich gehaltene drei Spiele und 15 Sätze abgenommen! Damit hatte die TSG uns wertvollste Luft verschafft, nicht viel, aber zumindest genügend, dass wir etwas atmen konnten. Dreimal 6:1 reichte nun – bei nicht allzu schlechten Ergebnissen im Hinblick auf die Sätze – aus, um die Meisterschaft doch noch zu holen. Nach wie vor jedoch ein Heldenstück, das die Mannschaft abliefern musste, waren die Spiele gegen die nun anstehenden Gegner in der Vorrunde 6:3, 6:1 und 6:3 ausgegangen.

Dann war der Tag gekommen. Die schwierigste der drei finalen Hürden wartete gleich als erste. Am 6. April war mit Heinriet der zu diesem Zeitpunkt Tabellenvierte zu Gast im Vereinszentrum. Die Halle war mucksmäuschenstill, als das Spiel begann, die Spannung war mit Händen zu greifen. Ein 6:3 wie im Hinspiel und die Chancen auf den Aufstieg wären beinahe auf Null gesunken, ein 6:4 und die Meisterschaft wäre unabhängig von den zwei folgenden Spielen verloren. Hatte das noch so junge Team die Nerven, diesem Druck standzuhalten? War aus den vier Spielern in der kurzen Zeit seit Beilstein eine Mannschaft geworden? Michael, Konstantin, Marcus und Jens gaben eine Antwort, wie sie klarer nicht hätte sein können. Mit einer vom allerersten bis zum allerletzten Ball schlicht grandiosen Leistung fegten sie Heinriet ohne Spiel- und ohne Satzverlust aus der Halle – 6:0 und 18:0 Sätze! Der perfekte Start, das Unmögliche war möglich! Und die Jungen 1 legte sofort nach. Direkt im Anschluss an das Heinriet-Spiel kam der Tabellenletzte vom DJK-SB Heilbronn nach Abstatt. Wieder voll konzentriert ging das TGV-Quartett zu Werke, Heilbronn war erfolgreicher als Heinriet – aber nur um einen einzigen Satz: 6:0 und 18:1.

Das war der Durchbruch – aber noch nicht der Titel. Einen Sieg brauchte das Team noch, dank der auch im Hinblick auf die Sätze großartigen Leistungen aus den ersten beiden Begegnungen, waren diese nun aber kein Thema mehr, gegen Untergruppenbach (Hinrunde: 6:3) reichte ein 6:3 in egal welcher Form zur Meisterschaft. Am Freitag, dem 12. April, war es soweit, um 18.15 Uhr begann in der Stettenfelshalle das große Finale um alles oder nichts. Und Abstatt wackelte. In den Doppeln zeigten alle Spieler Nerven und es drohte ein dramatischer Fehlstart. Bei Michael und Jens musste die Entscheidung im fünften Satz fallen, Konstantin und Marcus hatten einen 1:2-Rückstand nur um Haaresbreite abwenden können. Doch Abstatt wollte sich nicht kurz vor dem Ziel abfangen lassen, nicht ein zweites Mal. Michael und Jens siegten im Fünften klar mit 11:4, Konstantin und Marcus beendeten ihr Doppel mit 3:1. Noch vier Einzelsiege bis zum Aufstieg, nun war die Mannschaft nicht mehr zu bremsen. Eine einzige Schrecksekunde noch, als der sich bereits seit Wochen trotz Knieschmerzen durchbeißende Michael im dritten Satz bei 10:6 vier Matchbälle vergab und noch einen vierten Durchgang spielen musste, doch unsere Nummer 1 löste die Aufgabe so souverän wie im Doppel. Dann punktete Konstantin – 3:0. Dann Jens – 3:0. Und als Marcus‘ Gegner im dritten Satz beim Gesamtstand von 2:0 bei 10:6 den Ball ins Netz spielte, hielt es niemand mehr auf seinen Plätzen. Eine Sekunde später war das Spielergebnis bereits via Handy im Internet eingegeben, die Abschlusstabelle zeigte den Meister der Kreisklasse A2 für die Saison 2012/2013: TGV Eintracht Abstatt.
 


Foto-Finish: Abstatt und Beilstein trennten nur Nuancen. Den Unterschied machte Abstatts aufopferungsvoller Endspurt.
 
Das Unmögliche war geschafft, der Traum war in Erfüllung gegangen, die Jungen 1 steigt nach einer großartigen Saison mit einem unglaublichen Endspurt in die Kreisliga auf. Wir haben die Hoffnung – außer einen Abend lang – niemals aufgegeben und als Team gekämpft bis zum Letzten. Die Jungen 1 hat den Aufstieg verdient. Selbst ohne die Schützenhilfe aus Heilbronn hätten die Ergebnisse der letzten drei Begegnungen zum Titelgewinn gereicht. Und fehlten am schwarzen Samstag in Beilstein im Angesicht der ultimativen Herausforderung im entscheidenden Moment noch ein wenig Ruhe und Reife, hat das Team in den letzten drei Spielen – mit dem Rücken zur Wand und unter höchstem Druck – durch Einsatz, große Moral und eisernen Willen bewiesen, dass es der würdige Meister ist!

Herzlichen Glückwunsch, Jungs, zu diesem großartigen Erfolg! Ein besonderes Lob an Michael und Konstantin, die eine überragende Saison gespielt haben, Michael mit einer Einzelbilanz von 20:1 im vorderen Paarkreuz (erfolgreichster Spieler der Liga), Konstantin ungeschlagen mit 19:0, in der Vorrunde im hinteren, in der Rückrunde ebenfalls im vorderen Paarkreuz (zweiterfolgreichster Spieler der Liga). Danke an Raymund und Manu, die nicht nur in elf von 14 Partien hervorragende Leistungen abgeliefert haben, ohne die die Meisterschaft niemals möglich gewesen wäre, sondern die auch im schwierigsten Moment freiwillig und uneigennützig für ihr Team zurückgetreten sind, um denen das Feld zu überlassen, deren Selbstvertrauen größer war. Euer Verhalten verdient höchsten Respekt! Danke auch an Marcus und Jens, die sich vor der schier ausweglosen Situation nicht gefürchtet und die Herausforderung nicht nur angenommen, sondern sie auch souveräner als souverän gemeistert haben. Und zuletzt danke an die vielen Fans – Eltern, Omas, Opas, Tanten und Freunde – die ihre Jungs beim Projekt Meisterschaft vom ersten Spiel der Vorrunde bis zum letzten Spiel der Rückrunde immer unterstützt haben, ohne euch hätten wir es nicht geschafft! Wir werden diese Saison, die an Spannung, Dramatik und Leistung kaum zu überbieten war, und schließlich mit einem grandiosen Happy End vergoldet wurde, nicht vergessen und freuen uns schon jetzt auf die nächste Runde. Kreisliga, wir kommen!

Simon Leißler